‘The Museum of Capitalism’, Altes Museum, MG (curated by Susanne Titz) –2005

Diango Hernández, Museum of Capitalism, Altes Museum Mönchengladbach. by Dr. Doris Krystof, Curator K21. Ich freue mich sehr über die Einladung von Susanne Titz und Hubertus Wunschik, zur Eröffnung des „Museum of Capitalism“ zu sprechen, das der aus Kuba stammende Künstler Diango Hernandez im alten Museum von Mönchengladbach eingerichtet hat. Diango Hernández hält sich zur Zeit im Rahmen des durch die Josef und Hilde Wilberz – Stiftung geförderten städtischen Stipendiums in Mönchengladbach auf. Er ist einer jener jungen Künstler, die ständig unterwegs sind, permanent die Orte wechseln, die „zwischen den Welten“ unterwegs sind. „Zwischen den Welten“, im Falle von Diango Hernández kann man das mit Fug und Recht sagen, denn seit mehreren Jahren pendelt er zwischen Kuba und Europa.

Im Sozialismus der Karibikinsel aufgewachsen, hat er in den letzten Jahren bei seinem Bruder im italienischen Trento gelebt, dann mehrere Monate in Spanien verbracht, und nun, hier im Rheinland schliessen sich gewissermaßen die Kreise. Denn Diango Hernández ist als Künstler im Rheinland bei weitem kein Unbekannter: 1998 realisierte er eine aufsehenerregnde Installation aus hängenden Antennen und einer aus vier polnischen Ladas zusammengebauten kubanischen Stretch-Limousine im Ludwigforum in Aachen, im Anschluss daran war er mehrfach – mit hinreißenden Zeichnungen oder einer wüsten Installation aus banalen weißen Plastikstühlen – in der Kölner Galerie Frehrking Wiesehöfer zu sehen, und im vergangenen Jahr war Diango Hernandez an der um die Musik von Mouse on Mars konzipierten Ausstellung „doku/fiction“ in der Kunsthalle Düsseldorf beteiligt.

Manch einer mag sich aktuell aber auch an Diango Hernández‘ Beitrag für die diesjährige Biennale in Venedig erinnern: die Soundinstallation „Palabras“ („Worte“), die in der ehemaligen Seilerei im Arsenal im Rahmen der von Rosa Martinez kuratierten Ausstellung „Sempre un piu lontano“ – „Immer ein bißchen weiter“ gezeigt wird. „Palabras“ besteht aus der Installation von sechs umgekippten, hölzernen Strommasten, die noch mit diesen altertümlichen Porzellanköpfen versehen sind. Die abgelösten Stromkabel ragen dabei frei in den Raum, sehen aus wie in die Luft gezeichnete Kringel oder Schleifen. Dazu erscheint auf der dahinterliegenden Ziegelwand eine Text-Projektion: Einem Film-Abspann im Kino vergleichbar, läuft eine Liste mit den Amtszeiten sämtlicher kommunistischer Machthaber. Bei vielen Namen der neueren Geschichte liest man  „( xy  -1989)“, nur als die Reihe an Fidel Castro kommt, erscheint da: „(1959-)“. Das Ensemble aus gefällten Strommasten und Filmprojektion wird von einer herzergreifenden italienischen Schlagermusik aus den 60er Jahren begleitet. Politik und Poesie gehen in dieser eindrucksvollen Arbeit eine ganz besondere, für Diango Hernandez typische Mischung eingehen. Es ist eine politische künstlerische Haltung, die aufklärerisch agiert und zugleich mit eminenter Leichtigkeit das Rätselhafte und Mysteriöse berührt.

Die für Mönchengladbach entstandene Ausstellung schließt in mehrfacher Hinsicht an die Biennale-Arbeit an. Auch hier im alten Museum verbindet sich das starke politische Interesse des Künstlers mit einer ausgesprochen poetischen Haltung und einer großen Sensibilität gegenüber dem Ort. Vielleicht ist es bereits diese Verbindung, die an Marcel Broodthaers denken lässt, dessen Verständnis von „Poesie als Störung von Weltordnung“, von „Poesie als indirekte politische Frage“ Grundlage seines bildkünstlerischen Werks gewesen ist. Der Gedanke an Broodthaers liegt aber auch deswegen nahe, weil er genau hier in diesen Räumen unter Johannes Cladders eine wichtige Ausstellung gehabt hat, die auch um das Thema Museum kreiste.

„Poesie als Störung von Weltordnung“, „Poesie als indirekte politische Frage“ – Auch in den Arbeiten von Diango Hernandez geht es vielfach um Worte, um Sprache als Kommunikationsmittel, um Musik zur Übermittlung von Stimmungen, und um die verschiedensten technischen Hilfen bei der Vermittlung von Kommunikation. So spielen immer wieder das Radio eine Rolle, der Plattenspieler, Lautsprecher und Verstärker, und immer wieder taucht die Antenne als Zeichen für das Senden und Empfangen von Botschaften auf. Dabei hat die Ambivalenz von Glaube an die emanzipative Kraft von Sprache einerseits und die Skepsis gegenüber der verführerischen Rhetorik der Macht andererseits die künstlerische Arbeit von Diango Hernandez stark geprägt. Diese Ambivalenz kommt auch in dieser Ausstellung deutlich zum Ausdruck: so etwa am Beispiel einer der neuesten Kommunikationsmedien, dem Internet.

Diango Hernandez‘ „Museum of Capitalism“ ist ein Projekt für, mit und über das Internet. Gibt man www.museumofcapitalism.com ein, gelangt man auf eine Seite, die der Startseite der Suchmaschine Google nachempfunden ist, genau gesagt der US-amerikanischen Google-Seite. Dort hat Diango Hernandez als Suchbegriff das Wort „Freedom“ (Freiheit) eingegeben und das absurde Ergebnis von 136 Millionen Treffern erzielt. Unterschiedslos rubriziert die Suchmaschine Seiten mit hoch politischen Inhalten neben Inseraten für Freeclimbing oder Surfclubs. Unter der Option „pictures“ hat Diango Hernandez schließlich unterschiedlichste Bilder zum Suchbegriff Freiheit versammelt und damit eine Zuordnung von Bild und Begriff mit beinahe Magritte’schem Anstrich zu Wege gebracht. Zusammen mit den Ausdrucken der Freedom-Übersichtsseiten wurden die gegoogelten Freiheitsbilder in dem gerade erschienenen Buch „Museum of Capitalism“ publiziert. Ein Teil der Ausdrucke der Übersichtsseiten findet sich hier im Treppenhaus an der Wand installiert und markiert damit den Auftakt zu der nach diesem Netz-Projekt benannten Ausstellung „Museum of Capitalism“.

In der schieren Menge der Einträge des Internets wölbt sich der Begriff „Freiheit“ zu einem nicht mehr zu bewältigenden Berg an Information auf. Inkomensurabel damit ist die subjektive Erfahrung von Unfreiheit, wie sie etwa im nahezu vollständigen Verbot des Internets in Kuba zum Ausdruck kommt und die scheinbare Grenzenlosigkeit des Netzes relativiert. Wenn das Internet als Inbegriff der globalen Vernetzung nichts anderes als eine chaotische Fülle der Information generiert, steht dem eine durch individuelle Vernunft geregelte Ordnung der Dinge gegenüber, die allerdings neu zu verhandeln ist. Stichwort: „Poesie als Störung der Weltordnung“, um noch einmal auf Broodthaers zurückzukommen. Und wie Broodthaers greift Diango Hernandez auf die Vorstellung vom Museum als eine der ältesten Ordnungsmaschinerien unserer Kultur zurück und spielt noch einmal durch, was es zu bewahren, zu betrachten und zu vermitteln gilt. Hilfestellung dabei gibt eine gewisse Guerillataktik, die ins Museum Dinge einschleust, die an Kunst erinnern, aber doch etwas anderes meinen.

Gleich zu Beginn im ersten Raum eine skulpturale Installation aus Tischen mit dem Titel „Amplified Secret“ – Vergrößertes Geheimnis (das klingt schon wieder nach René Magritte, diesem Taktiker der Verstörung!). Eine Reihe umgestürzter und auf einer diagonal durch den Raum verlaufenden Linie arrangierter Schultische bildet eine halbhohe Wand. Die Tische stammen aus Mönchengladbach und Umgebung, weisen Gebrauchsspuren auf, an den Unterseiten kleben die obligatorischen, im Unterricht klammheimlich entsorgten Kaugummis. Die Reihe der hochkant gestellten Tische versteckt notdürftig die Quelle des den Raum erfüllenden Geräuschs, ein Mix aus verschiedenen männlichen Stimmen. Erst hinter den Tischen, in der hintersten Ecke des Raumes entdeckt man drei Kassetten-Recorder, die auf dem Boden stehen. Aus ihnen tönen englischsprachige Worte, deren Sinn man allenfalls bei genauestem Hinhören versteht. Es handelt sich um historische Telefongespräche unterschiedlicher amerikanischer Präsidenten, die aufgezeichnet wurden und nun über Forschungsinstitute in den USA wie die Kennedy Library als Kassetten für 6 Dollar pro Stüpck verkauft werden. So hört man hier etwa Nixon, der mit McNamara telefoniert, oder Ausschnitte eines Kennedy-Telefonats aus der Zeit der Kubakrisa. Diango Hernandez hat sich diese Kassetten besorgt und in Erfahrung gebracht, dass im Sekretariat des Weißen Hauses per Knopfdruck wichtig scheinende Telefonate stets mitgeschnitten werden. Die Veröffentlichung solchen Materials entspricht einer urdemokratischen Haltung, die in der Öffentlichkeit ein wirksames Korrektiv politischen Handelns sieht. Dass entsprechende Stellen in den mitgeschnittenen Telefonaten durch ein „beep“ unkenntlich gemacht sind, ist Teil solcher Informationspolitik. (Größere Offenheit bedingt die Vergrößerung der Geheimnisse.) Vor diesem Hintergrund sieht die Wand aus Schultischen plötzlich gar nicht mehr nur wie eine raumgreifende skulpturale Geste kollektiver Erinnerungskultur aus, sondern die improvisiert aufgebaute Trennwand behauptet sich in einem fast wörtlich zu nehmenden Sinne als Schutzschild, hinter der sich geheime Informationen verbarrikadieren. Mögen manche Telefonate der amerikanischen Präsidenten auch publiziert sein, das wirkliche Spiel der Mächtigen bleibt hinter unterschiedlichsten Fassaden verborgen.

Diango Hernandez‘ „Museum of Capitalism“ beruht auf einer ganzen Reihe von Nachforschungen, von Recherchen in Politik, Gesellschaft und Geschichte, die auf unterschiedlichste Weise Eingang in die Erscheinungsweise der gefundenen und zusammengebastelten Exponate gefunden haben. Die in dem Museum ausgestellten Artefakte, auch die Gemälde und Zeichnungen an den Wänden, sind in hohem Maße imprägniert von Informationen und Geschichten. Eine rein formale Betrachtung vermag ihnen nicht gerecht zu werden. Man muss sich schon involvieren lassen, in die Inhalte hineinziehen lassen. Eine eindeutige Position, etwa für oder gegen eine bestimmte politische Ordnung, wird indes nicht geboten. Diango Hernandez entwickelt in seinem „Museum of Capitalism“ skizzenhaft seine Sprache der Dinge, es ist eine Sprache der Dinge, die auf die subversive Energie von Poesie baut, auf Improvisation (das ist vielleicht das ureigentlich kubanische an dieser Kunst) und damit höchst produktiv eine Störung der Weltordnung betreibt.

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Catalogue Publised By Revolver, Editor: Museum Abteiberg, Language: English, Format: 21 X 25,7 Cm, Feature: 136 Pages, 136 Color Images, Softcover